Radfahrer

Ich weiß nicht, was es ist, vielleicht der Frühling, aber es sieht gerade so aus, als wollten sich jetzt alle möglichen Leute auf die Radfahrer einschießen. Gerade ist die allgemeine Helmpflicht in einer seltenen Anwandlung von gesundem Menschenverstand* (vorerst) vom Tisch, da spricht sich plötzlich die GdP für eine stärkere Bestrafung rücksichtsloser Radler sowie für eine Kennzeichenpflicht aus, und die Presse beschwört Bilder von besoffenen Radfahrern auf Fußgängerwegen dazu.

Begründet wird das alles mit der Verrohung der Sitten und den vielen Unfällen, in die Radfahrer verwickelt sind. Unterschlagen wird natürlich, dass Unfälle zwischen Autofahrern und Radfahrern immer noch meistens von Autofahrern verursacht werden, während die Radfahrer eher die passivere Rolle des Krankenhausreifen spielen. Bei Unfällen zwischen Radfahrern und Fußgängern sieht das, zugegeben, schon anders aus (ein Problem, das sich leicht lösen ließe, wenn es weniger Gründe für Radfahrer gäbe, auf die Fußwege auszuweichen), und die Unfälle zwischen Radfahrern und anderen Radfahrern werden tatsächlich zu 100% von Radfahrern verursacht – was sich natürlich dann wieder auf die Gesamtstatistik auswirkt.

Ich bin von dieser Stimmungsmache in zweierlei Hinsicht betroffen – einerseits natürlich als Radfahrer und andererseits als Soziologe, dem sich bei so lausigen Argumentationen der kopf zusammenzieht. Es ist auch gefährlich: Jedesmal, wenn eine Gruppe derart plump als Feindbild aufgebaut wird, folgen Folgen. Die Bilder verfestigen aich, bis es dann irgendwann gesellschaftlich okay ist, Radfahrerbelange als nichtig abzutun und jedes Räuspern eines Radfahrers im Theater als weiteres Argument gegen diese Rüpel recht ist. Eher früher als später fühlen sich alle Zukurzgekommenen ermächtigt, eine Meinung über „Kampfradler“ zu äußern und auch durch Taten zu bekräftigen, etwa indem man sich auch nicht mehr verpflichtet fühlt, auf Radfahrer Rücksicht zu nehmen und sie einfach über den Haufen fährt. Da wird dann auch nicht mehr hinterfragt, ob es so was wie „Kampfradler“ überhaupt gibt.

Versteht mich nicht falsch – ich bin auch kein Freund rücksichtslosen Fahrens, egal mit welchem Fahrzeug, und habe kein Problem damit, wenn das bestraft wird. Allerdings sollte man doch die Kirche im Dorf lassen. Was die Städte brauchen, sind nicht neue Gesetze und neue Polizisten, sondern bessere Radwege und eindeutigere Verkehrsführungen an Problemstellen. Und einfach allgemein mehr Rücksicht von allen Verkehrsteilnehmern.

Die Artikel der letzten Tage zum Thema habe ich bisher eher verwundert zur Kenntnis genommen – ehrlich, ich dachte, es geht immer noch gegen Internetpiraten -, aber das kann sich umkehren. Gut, dass ich Comiczeichner bin, da kann ich das Schlimmste schon mal vorwegnehmen…
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*) Wer sich anhand dieser Formulierung aufschwingen will, um mich über den großen Sinn einer Helmpflicht aufzuklären, sollte zunächst mal den „Peltzman-Effekt“ nachschlagen. (Gut beschrieben ist er in dem Buch „Ich denke, also spinn ich„, und zwar auch schon in der Gratis-Preview der Kindle-Version, falls Ihr nicht gleich das Buch kaufen wollt.) Peltzman stellte anhand der Gurtpflicht für Autofahrer fest, dass nach der Einführung zwar die Zahl der tödlichen Unfälle abnahm, aber die Zahl der Unfälle überhaupt anstieg. In dem Wissen, dass ihnen ja nichts passieren könne, fuhren die Leute nämlich noch leichtsinniger. Auch bei Radfahrern mit Helmen soll dieser Effekt schon beobachtet worden sein. Dann fahre ich lieber ohne und achte selber auf meine Sicherheit.

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4 Responses to Radfahrer

  1. tommy sagt:

    Oh man du triffst so ziemlich genau meine Meinung!
    Ich selber finde auch das durch die zunehmende Benutzung von Smartphones, die Fußgänger noch unachtsamer Straßen und Fahrradwege überqueren, bzw. gerne und oft einfach Fahrradwege, als solche, ignoriert werden…und daher für mich im besonderen Fußgänger als potentielle „Gefahr“ gelten

    • Max Vaehling sagt:

      Hehe, das mit den Smartphones ist mir noch nicht so aufgefallen – meine Lieblingsfußgänger sind eher die, die ihre Kinder quer über den Radweg zu sich rufen, wenn sie merken, dass da ein Radfahrer kommt.

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